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Text-Erörterungen/4

 

Texterörterung

Überall daheim

HUBERT KALTENBACH
  In der paradiesischen Ferien-
welt will jeder frei sein, seine Ge-
fühle ausleben und vor allem von
niemandem gegängelt werden.
Der Urlaub als Sinnbild des Para-
dieses, als Mythos eines erfüllten
Lebens.
Übersehen wird dabei, daß wir
in einer perfekt inszenierten Kon-
sumwelt landen, in der die Ur-
laubsmacher das Sagen haben.
Ihre verführerische Werbespra-
che weckt unsere geheimen Lü-
ste, und ihren globalen Vermark-
tungsstrategien vertrauen wir uns
blind an. Sie sorgen für einen opti-
malen Produktionsablauf, sie be-
stimmen, wo die schönsten
Strände liegen. Die Paradiese wer-
den dort eröffnet, wo sie von den
Veranstaltern als profitabel ausge-
wählt worden sind.
Die zunehmende Standardisie-
rung der Ferienräume erübrigt
darüber hinaus immer mehr die
Überlegung, wohin denn die
Reise gehen soII. Die Hotelpaläste
in Cancun unterscheiden sich
kaum noch von denen auf Mallor-
ca. Das Paradies ist austauschbar.
Also entscheiden der Preis und
der Bauch, wohin es den in den
Ferien gehen soll.
Die industrialisierte Urlaubs-
form setzt sich immer mehr
durch. Jede zweite Reise ist inzwi-
schen eine Pauschalreise.....
Selbstbestimmte Formen des
Reisens gelten als zunehmend ver-
staubt, perfekt inszenierte Ur-
laubswelten, in denen die Einge-
borenen auf Befehl für uns tan-
zen, liegen im Trend. Angesteuert
wird der vertraute Kreis der gro-
ßen Reisefamilie, in der man um-
hätschelt und rundum versorgt
wird. Eigentlich schade.
 

Die Ferien sind da. Die halbe
Nation ist unterwegs zu Zielen,
die den meisten schon längst ver-
traut sind. Etwas zugespitzt for-
muliert, sind uns die Strände an
Europas Gestaden zur zweiten
Heimat geworden. Es sind Orte,
wo im Bayernstadl Wiener Schnit-
zel serviert wird, und Giovanni
das "ozapfte" Bayern-Bier auf den
Tisch stellt.
Ob es den Einheimischen paßt
oder nicht, von Tabus wollen wir
an unserem Urlaubsziel nichts
wissen. Die Hüllen fallen dort, wo
wir es wollen. Was kürmmern uns
die Rufe des Muezzins in Ma-
rokko, wenn wir uns eine nahtlose
Bräune verpassen wollen. Ob Ba-
learen oder Yukatan, die Urlaubs-
gebiete haben wir uns nach unse-
ren. Bedürfnissen angeeignet.
An den Stränden des touristi-
schen Universums ist es nicht nur
sonniger und billiger als zu
Hause, sondern auch viel beque-
mer. Die Betten sind gemacht, das
Essen steht auf dern Tisch, die
Strände werden gesäubert, der
Golfrasen ist gemäht.
Hatte der Schriftsteller Magnus
Enzensberger in den 50er Jahren
Tourisrnus noch als "eine einzige
Fluchtbewegung aus der Wirklich-
keit, mit der unsere Gesellschafts-
verfassung uns umstellt", bezeich-
net, so hat sich das Massenphäno-
men Tourismus heute eher ins Ge-
genteil verkehrt. Die Touristen
flüchten nicht, sie kommen über-
alI heim.

 

 

 

 

aus: Gmünder Tagespost, 29.07.1999

 

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